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Wort des Monats

Schlickefänger

Die Schlickefänger haben im Moment Hochkonjunktur (oder hatten sie immer Konjunktur?). Sei es, dass sie Miliardärinnen bezirzen, in Lichtenstein gemeinnützige Stiftungen gründen, Zertifikate verkaufen, Mitarbeiter ausspähen oder mit chemischer Unterstützung um die Loipen rasen, immer wundern sie sich mit unschuldigem Augenaufschlag über die Folgen ihres Tuns. Denn dafür sind sie grundsätzlich nicht verantwortlich, weil sie eigentlich nichts gewusst oder es sich anders vorgestellt haben und von den Umständen überrascht worden sind. Schlickefänger sind also geschickte und einfallsreiche Personen, die mit einer gewissen Gerissenheit vorgehen, aber mit bewunderswürdiger Chuzpe immer behaupten, an dem angerichteten Schlamassel auf keinen Fall schuld zu sein. Dazu verhilft ihnen oft eine gehörige Portion Charme, sonst könnten sie ja auch keine Milliardärinnen verführen oder Schrottpapiere verkaufen.

Auch wenn die Schlickefänger eine weltweite Erscheinung (und im übrigen immer Männer) sind, das Wort ist urrheinisch. Und zwar kennt man es nur im Norden des zentralen Rheinlands, am Niederrhein, im Ruhrgebiet und im südlichen Münsterland. Dort hört man Sätze wie Der Schlickefänger hat doch glatt versucht, mich zu betuppen! oder Pass auf, datte mir nich widder auf son Schlickefänger reinfälls! Außerem war es eines der Lieblingswörter des unvergessenen Jürgen von Manger alias Tegtmeier: Sie Schlickefänger Sie! Außerhalb dieses Gebietes kennt man zwar den Typus, nennt ihn aber nicht so.

Aber warum heißt er überhaupt so? Gemeinhin denken die betroffenen Rheinländer bei dem Wort an eine wasserbautechnische Erscheinung, die jeder Rheinanlieger kennt: die Kribben. Das sind in den Fluss hineinragende Steinwälle, die der Flussregulierung dienen und die Verschlickung der Fahrrinne verhindern sollen. Allerdings heißen diese Dinger in der Fachsprache der Wasserbauer - und das auch nur ganz selten - Schlickfang. Das "e" im Schlickefänger ist damit nicht erklärt (einen Plural von Schlick gibt es nicht).

Kribbe

ne Kribbe, kein Schlickefänger

Das lässt darauf schließen, dass der Schlickefänger gar nichts mit dem Modder zu tun hat. Er ist vielmehr ein Schlangen- oder Wurmfänger. Schleichen, in der niederdeutschen Variante Schlicken, nannte man früher Tiere, die irgendwie auf dem Boden herumkrochen, etwa Würmer, Schnecken oder Schlangenartige (wir kennen heute noch das Wort Blindschleiche). Wahrscheinlich hatte das Wort sogar schon von Beginn an nur eine übertragene Bedeutung. 

(Diese und ähnliche Geschichten sind übrigens nachzulesen in dem Buch: Peter Honnen: Alles Kokolores. Wörter und Wortgeschichten aus dem Rheinland).

Das Bild wurde unter GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht; Quelle: Wikipedia

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